4. Wie häufig sind eigentlich frühe Fehlgeburten normalerweise?
Fehlgeburten sind in den meisten Fällen ein Schock für die betroffene Frau oder das Paar. Nach der Freude über den Eintritt einer Schwangerschaft folgt nicht selten die Besorgnis bei Auftreten einer stärkeren Blutung und die bittere Enttäuschung, wenn die Fehlgeburt eintritt oder der Arzt Hinweise auf Fehlentwicklungen der Fruchtanlage findet, die in eine Fehlgeburt münden. Es entsteht dann die bange Frage, ist die Fehlgeburt bei uns ein Ereignis, welches grundsätzlich einmal eintreten kann oder besteht bei uns ein prinzipieller Fehler, der immer wieder zur Fehlgeburt führt oder führen kann.
In der Tat gibt es Störungen, die die Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt erhöhen. Diese müssen erkannt oder ausgeschlossen werden. Hier interessiert uns, wie häufig eine Fehlgeburt bei einem komplett gesunden Paar auftritt. Sie sind erstaunlich häufig und für die weiteren Schwangerschaften ohne Konsequenz, was sicherlich beruhigend für Paare ist, die eine solche Fehlgeburt erfahren haben.
Wilcox und Mitarbeiter haben bei mehreren hundert gesunden Frauen mit Kinderwunsch über mehrere Zyklen (ingesamt 707 Zyklen) hinweg täglich den Urin gesammelt und durch Hormonmessungen in den Urinproben den Eisprung und den Anstieg und weiteren Verlauf des Schwangerschaftshormons (HCG) bestimmt. Außerdem wurde das Eintreten, die Dauer und Schwere von Monatsblutungen protokolliert.
Es traten 198 Schwangerschaften, wovon insgesamt 59 (=31%) als Fehlgeburten endeten. In 43 Fällen traten die Fehlgeburten ein, bevor die jeweiligen Schwangerschaften klinisch (Ultraschall) diagnostiziert wurden (Frühstabort). Häufig wußten die Frau gar nicht, daß eine Schwangerschaft bestanden hatte. Das einzige, was die Frauen bemerkten, war das etwas spätere Eintreten der Regelblutung, die dann meist auch stärker war. Nur die später festgestellten vorübergehend positiven HCG-Werte im Urin wiesen auf eine kurzzeitige Schwangerschaft hin. Bei 9% der Frauen trat die Fehlgeburt, nachdem die Schwangerschaft bereits klinisch festgestellt war. 95 % der Frauen mit einem Frühstabort wurden während der nächsten zwei Jahr erneut schwanger ohne weitere Komplikationen.
Ein großer Teil der Fehlgeburten beruht sicherlich darauf, daß etwa 50% aller Eizellen genetisch gestört sind. Diese Resultate wurden bei Frauen gewonnen, deren Eierstöcke medikamentös stimuliert wurden. Vieles spricht jedoch dafür, daß dies auch für Eizellen in einem natürlichen Zyklus zutrifft.
Von der Befruchtung bis zur intakten Schwangerschaft sind viele Hürden zu überwinden. Aus der In-vitro-Fertilisation ist bekannt, daß ein großer Teil befruchteter Eizellen sich nicht zu Embryonen entwickeln, die sich erfolgreich in die Gebärmutterschleimhaut einnisten können. Dies nimmt mit dem Alter der Frau deutlich zu. Hierbei geht das Ei vor der Einnistung zu Grunde. In einigen Fällen gelingt gerade noch eine Einnistung, aber sie erfolgt später als üblich. Je später nach dem Eisprung erstmalig des Schwangerschaftshormon in Blut und Urin ansteigt, was auf eine verspätete Einnistung oder Entwicklungsverzögerung des Embryos bereits vor der Einnistung hinweist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Schwangerschaft als Fehlgeburt endet.
Konsequenz für das praktische Leben: Eine ein- oder zweimalige Fehlgeburt ist nicht außergewöhnlich. Hinter häufigeren Fehlgeburten kann sich allerdings ein Problem verbergen, welches frühzeitig erkannt werden sollte.
Literatur
WrambsbyH, Fredga K, Liedholm P (1987) Chromosome analysis of human oocytes recovered from preovulatory follicles in stimulated cycles, N Engl J Med 316:121-124
Wilcox AJ (1988) Incidence of early loss of pregnancy. 319: 189-194
Wilcox A J, Baird D D, Weinberg C R (1999) Time of implantation of the conceptus and loss of pregnancy. N Engl J Med 340: 1796